



St. Annen-Museum in Lübeck mit Sonderausstellung: "Lucas Cranach d. Ä. und Hans Kemmer. Meistermaler zwischen Renaissance und Reformation“ (Teil 2)
DAS GESAMTE INTERVIEW IST KOSTENFREI ERHÄLTLICH UND WIRD AUF WUNSCH ALS PDF GEMAILT: SCHREIBEN SIE BITTE AN: info@brikada.de | STICHWORT: „CRAMER. KEMMER. LÜBECK“
[Fortsetzung des Interviews mit Museumsleiterin Dr. Dagmar Täube vom 16.7.2021]
4. Auf welche Sujets/Objekte hat sich Hans Kemmer spezialisiert? Religiöse Themen, Tiere, Landschaften oder aus dem gelebten Alltag?
Kemmer hatte eindeutig zwei Themenschwerpunkte: Porträts und religiöse Themen. Zu letzteren zählen die neuen Motive der Reformation, die er in Wittenberg kennengelernt hatte. Cranach war mit Philipp Melanchthon und vor allem mit Martin Luther sehr gut befreundet. Er war Luthers Trauzeuge und gegenseitig waren sie Taufpaten ihrer Kinder. So war das reformatorische Gedankengut, dass ja auch in der Cranach‘schen Druckerei vervielfältigt wurde, in der Werkstatt bekannt, Cranach gilt als Urheber einiger neu akzentuierter Bildthemen. Und diese gehörten auch zu Kemmers Repertoire: So etwa „Christus als Schmerzensmann“, die „Hl. Dreifaltigkeit, Christus und die Ehebrecherin“ und als eines der wichtigsten neuen reformatorischen Themen die Glaubensallegorie von „Gesetz und Gnade“. Sie alle zeigen dem sündigen Menschen den Ausweg zur Erlösung, nachdem die vorreformatorische Jenseitsvorsorge keinen Wert mehr hatte.
Nur ein einziges Werk mit einem weltlichen Thema ist von ihm bekannt: „Die Liebesgabe“, die wir 2018 in London ersteigern konnten. Aber auch hier nimmt er kompositionell Bezug auf eine Darstellung Cranachs in Wittenberg vom 6. Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“.
5. Hat der Künstler Auftragsarbeiten entgegengenommen? Von wem?
Hans Kemmer war wie alle deutschen Meister dieser Zeit Auftragnehmer. Das freie Kunstverständnis wie in Italien oder in den Niederlanden sollte sich erst in den nächsten Jahrzehnten entwickeln. Er war sehr gut in der hohen Gesellschaft der Ratsfamilien und Kaufleute Lübecks vernetzt und hat sich hier als wichtigster Auftragnehmer etabliert. Neben Jacob van Utrecht, der bis 1525 in Lübeck tätig war, ist er der einzige renommierte Maler. Er war auch mit dem ebenfalls sehr geschätzten Lübecker Bildschnitzer Benedikt Dreyer bekannt, denn dieser war der Vormund von Anneke Wickhorst und ihren Kindern bevor beide geheiratet haben.
Das Porträt nahm mit dem Einzug des humanistischen Gedankenguts und der Renaissance einen wichtigen Stellenwert bei den Aufträgen ein. Immerhin erstarkte das Selbstbewusstsein der Bürger, die sich vormals höchstens als Stifter repräsentativ darstellen lassen konnten. Jetzt setzte man auf lebensechte Darstellungen, die die Dargestellten in einem bestimmten Alter und einer gesellschaftlichen Position zeigten, aber auch zu einer wichtigen Erinnerung nach ihrem Tod wurden. Auf diese Weise können wir uns bis heute von einigen Lübeckern des 16. Jahrhunderts ein Bild machen, etwa von Hans Sonnenschein, Johann Wigerinck und seiner Frau Agneta Kerckring, den Timmermanns oder Hinrich Gerdes.
6. Hat Hans Kemmer eine eigene Handschrift entwickelt? z.B. bestimmte Maltechniken, Motive?
Hans Kemmer hat es geliebt kostbare Stoffe und Schmuck darzustellen. Dies wird zum Beispiel bei seinem frühen Werk der Salome, die aus österreichischem Privatbesitz in die Ausstellung kommen wird, deutlich. Aber auch bei der Ehebrecherin oder der Elisabeth Kruselmann auf der Hannoveraner Salvator Mundi-Tafel mit Ihrem Ehemann Carsten Timmermann. Seine Hände wirken dagegen oft etwas „teigig“, was aber auch zu einem guten Erkennungsmerkmal wird. Er war vor allem ein sehr guter Zeichner mit einer ganz eigenen Handschrift. Dies zeigen die Infrarotaufnahmen, auf denen mittels speziellem Licht die Unterzeichnungen der Werke zutage treten. Gerade weil er eine so eigene Handschrift entwickelt hat, kann man ihn nun auch mit diesen neuen technischen Untersuchungen gut in der Cranachwerkstatt identifizieren.
Noch sind einige seiner Werke stark übermalt bzw. in keinem guten Zustand, so dass die Identifizierung schwierig ist. Deshalb haben wir nun zwei seiner Bilder in unserem Besitz, das Epitaph Wittinghoff und die Ecce Homodarstellung mit Hinrich Gerdes, aufwendig restaurieren und von zahlreichen Übermalungen befreien lassen. Zutage tritt ein versierter Maler, der seine Umgebung genau beobachtet hat. So erinnert etwa der Himmel des Ecce Homo-Bildes an den Passionsaltar von Hans Memling, den er zu seiner Zeit im Dom sehen konnte.
Schließlich hat er einen Teil seiner Gemälde mit einem ligierten „HK“ monogrammiert.
Über Museumsleiterin Dr. Dagmar Täube:
Geboren 1961 in Grevenbroich (Rheinland), studierte Kunstgeschichte, Erziehungswissenschaften und Germanistik an der Uni Bonn mit Studienaufenthalten in Brüssel, Utrecht und Den Haag, u. a. als Stipendiatin des DAAD mit dem Abschluss Promotion 1991.
Sie war bereits während des Studiums als freie Museumspädagogin in Köln tätig und im Anschluss als wiss. Mitarbeiterin im Wallraf-Richartz-Museum. Es folgten weitere lange Jahre als Kuratorin, stellv. und zuletzt kommissarische Direktorin des Museum Schnütgen Köln (1998-2012), Leitungen des Deutschen Glasmalerei-Museums Linnich und der Draiflessen Collection in Mettingen, außerdem Lehraufträge an den Unis in Bochum und Düsseldorf (2001-2014) und ein Forschungsaufenthalt im Victoria & Albert Museum London.
Seit 2016 ist sie Leiterin des St. Annen-Museum, des Museums Holstentor und der Katharinenkirche. Dagmar Täube hat zahlreiche Ausstellungen, Vorträge und Publikationen zur Kunst des Mittelalters und des 20. Jahrhunderts realisiert. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Kunst des Mittelalters, insbesondere die Glas- und Tafelmalerei des 14. bis 16 Jh.
WER: St. Annen-Museum Lübeck, St. Annen-Str. 15, 23552 Lübeck
WAS: Sonderausstellung: "Lucas Cranach d. Ä. und Hans Kemmer. Meistermaler zwischen Renaissance und Reformation“ mit 64 Exponaten/Leihgaben.
WANN: 24.10.2021-6.2.2022
KURATIERT VON: Dr. Dagmar Täube
KATALOG: "Lucas Cranach der Ältere und Hans Kemmer. Meistermaler zwischen Renaissance und Reformation" erscheint im Hirmer-Verlag, ca. 300 Seiten, ca. 45 €
Weitere Informationen:
st-annen-museum.de/lucas-cranach-d-ae-und-hans-kemmer--meistermaler-der-reformation
www.die-luebecker-museen.de
www.cab-artis.de
ENDE TEIL 2/Erfahren Sie mehr im Interview mit Dr. Dagmar Täube über "Lucas Cranach d. Ä. und Hans Kemmer. Meistermaler zwischen Renaissance und Reformation“ am 30. Juli 2021
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