Frauen verdienen in Deutschland noch immer etwa 23 Prozent weniger als Männer in vergleichbaren Tätigkeiten. Frauen sind in Führungspositionen in deutschen Unternehmen lediglich zu rund 23 Prozent vertreten, im Topmanagement finden sich allenfalls 4 Prozent Frauen. Eigentlich ein Unding, denn seit fast 100 Jahren, beim ersten Weltfrauentag im Jahr 1911, stand schon die Forderung gleicher Lohn für gleiche Arbeit im Mittelpunkt der deutschen Frauenbewegung.
Anspruch und Realität klaffen allerdings auch heutzutage – trotz erheblicher Verbesserungen – noch immer weit auseinander – so Bayerns Frauen- und Sozialministerin Christa Stewens, zugleich auch Frauenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, die zusammen mit Lenia Samuel den Kinospot "Schluss mit dem Unsinn" anlässlich des Internationalen Frauentages im Arri Kino in München vorstellte. So erinnerte sie etwa daran, dass es vor wenigen Jahrzehnten noch gesetzlich verankert war, dass eine Ehefrau die Zustimmung ihres Ehemannes einholen musste, um eine Arbeit aufzunehmen oder ein Konto zu eröffnen. Trotz aller Fortschritte bei der rechtlichen Gleichstellung lässt die Gleichberechtigung im Erwerbsleben noch sehr zu wünschen übrig. Und das, obwohl Frauen mit einer hervorragenden Ausbildung die Männer längst überholt haben; immerhin 55,5 Prozent der Schüler, die die Hochschulreife erlangen, sind weiblich. Dabei sind die Schülerinnen im Durchschnitt um 0,3 Notenpunkte besser als ihre männlichen Klassenkameraden, und 53,7 Prozent aller Studierenden sind weiblich.
"Frauen haben, was Bildung anbelangt, Männer zwischenzeitlich überholt. Dennoch verdienen sie durchschnittlich weniger als Männer," erklärte Christa Stewens. "Es ist nicht nachvollziebar, warum beispielsweise eine Bankkauffrau 3.028 Euro im Monat verdient, ein Bankkaufmann hingegen 3.752 Euro. Deutschland belegt bei den Lohnunterschieden weltweit einen der hinteren Plätze. Dies ist beschämend. Mit diesem Unsinn muss Schluss ein! Unser Kinospot, der die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern zum Thema macht, soll Bewusstsein für den Handlungsbedarf schaffen und wachrütteln."
Als Ursachen der Gehaltsdifferenzen nannte Stewens, dass mit den berufliche Karrierezielen noch zu häufig das Lebensziel "Familie" konkurriere. Hier habe der Bayerische Staat mit dem Bayerischen Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen, die es Frauen und Männern erleichtern, den Kinderwunsch zu realisieren. Bis 2013 sollen sich die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren in Kindertagespflege oder Tageseinrichtungen bundesweit auf 750.000 Plätze erhöhen. Auch Unternehmen müssen hier mitziehen und in die betriebliche Kinderbetreuung investieren.
Lenia Samuel verwies in ihren Ausführungen darauf, dass in Europa zwar de jure die Gleichberechtigung von Frauen und Männern herrsche, de facto sei man jedoch noch sehr weit davon entfernt. Es reiche jedoch nicht, von Brüssel aus allein dagegen anzukämpfen, vielmehr müsse die Zivilgesellschaft und die gesamte Öffentlichkeit sich dafür engagieren, um das Lohngefälle abzuschaffen. So müssten unter anderem die bestehenden Rechtsvorschriften besser angewandt werden, die EU-Mitgliedsstaaten gegen die gesellschaftspolitische Lohndiskrepanz ankämpfen und die Arbeitgeber verstärkt an ihre soziale Verantwortung erinnert werden. Frau Samuel rechnet damit, dass diese Vision frühestens im Jahr 2057 europaweit realisiert sein wird.
Vor diesem Hintergrund all dieser Überlegungen entstand der Kinospot "Schluss mit dem Unsinn", der im Auftrag des Sozialministeriums hergestellt und aus Landesmitteln und Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziert wurde. In den kommenden fünf Wochen wird der 10-Sekunden lange Kinospot auf 104 Leinwänden in 33 Kinocentern und 18 größeren Städten Bayerns zu sehen sein.
Weitere Informationen:
www.sozialministerium.bayern.de
www.schluss-mit-dem-unsinn.de
(Die Links wurden am 10.03.2008 getestet.)
Kommentar
Es darf bezweifelt werden, ob mit diesem Kinospot "Schluss mit dem Unsinn" auch nur annähernd das Klassenziel erreicht wird – nämlich einen Anstoss zum Bewusstseinwandel bei der jungen (Männer-)Generation herbeizuführen. Zugegeben, in 10 Sekunden eine gesellschaftspolitische Forderungen passgenau zu vermitteln, ist nicht eben leicht. Doch ist der psychologische Ansatz falsch gewählt, der Streifen mutiert zur bloßen Effekthascherei. Sattsam bekannte Klischees wie – hie mächtige Altherrenriege in Führungspositionen, dort das adrett gekleidete Blondchen mit Kaffeekanne – werden eher neu bedient, denn ausgeräumt. Dass sich die Herren - als Antwort auf die Sparmassnahmen des Unternehmenschefs - dann auch noch Frauenklamotten überwerfen und sich Perücken-bestückt im Konferenzsaal aufhalten, mag vordergründig lustig erscheinen, mehr jedoch nicht.
Brigitte Karch
Bild (v.l.): Lenia Samuel und Christa Stewens. Foto: Brigitte Karch