Katharina die Große (1729-1796) war 1744 als Prinzessin Sophie Auguste Friederike aus Zerbst nach St. Petersburg gekommen, um den russischen Thronfolger zu heiraten. Die russische Herrscherin hatte, enttäuscht von ihrer Ehe, zahlreiche Liebhaber unter denen Grigori Alexandrowitsch Potemkin (1739-1791) herausragte. Er wurde sowohl die Liebe ihres Lebens als auch ihr wichtigster Berater.
„Oh, Herr Potemkin, was für ein Wunder hast Du vollbracht, indem Du jemandem den Kopf so sehr verdrehtest, einen Kopf, der bisher in der Welt als einer der besten Europas berühmt war. Welch eine Schande! Welche Sünde! Katharina II., ein Opfer dieser verrückten Leidenschaft …“
Willenlos verliebt, hoffnungslos ergeben – in diesem Zustand befand sich Zarin Katharina, als sie im März 1774 in ihrem Schlafgemach erwachte. Ihre überfließenden Gefühle offenbarte sie in einem frühmorgens geschriebenen Liebesbrief dem Mann, mit dem sie die vorangegangene Nacht verbracht hatte. Ihr neuer Favorit, der 34-jährige Generalleutnant Grigori Potemkin, stammte aus ärmlichen Adelsverhältnissen . Er hatte bereits am 28. Juni 1762 als junger Gardist mit einer kecken Aktion die Aufmerksamkeit der zehn Jahre älteren Katharina – in jener dramatischen Nacht des Staatsstreichs, der sie an die Spitze des russischen Riesenreiches katapultierte – auf sich gezogen. Sicher bemerkte die neue Zarin mit Wohlgefallen das Aussehen des jungen Mannes, das ihm den Spitznamen „Alkibiades“ eingebracht hatte: hünenhafte Statur, prächtiger kastanienbrauner Haarschopf, ein langes, sensibles Gesicht mit markantem Kinngrübchen.
Sie verlor den wenig später zum Leutnant und Kammerjunker Beförderten nicht aus den Augen und war, je öfter sich ihre Wege kreuzten, desto stärker von seiner grenzenlosen Originalität und seinem majestätischen Wesen gefesselt. Elfeinhalb Jahre später stürzten sich die beiden in eine Liebesbeziehung ohnegleichen. Katharina war von der Liebe zu Potemkin stärker hingerissen als von jeder anderen zuvor. Die Tiefe ihres jetzigen Gefühls erstaunte sie. Die Zarin liebte nicht nur Potemkins Sinnlichkeit und sein imposantes Äußeres – der Verlust seines linken Auges hatte ihm inzwischen einen wilden Zug verliehen. Sie fühlte sich durch seinen Witz immer bestens unterhalten und war beeindruckt von seinem Verstand. Endlich hatte sie einen ebenbürtigen Partner gefunden, und Potemkin erwiderte ihre Liebe stürmisch und ganz. Das Paar war sofort unzertrennlich.
Potemkin bezog seine Gemächer in Katharinas Winterpalast. Selbst wenn sich die beiden täglich sahen, schrieben sie sich zusätzlich Briefe. Ihre Korrespondenz erstreckt sich über 20 Jahre und lässt eine leidenschaftliche wie gleichberechtigte Partnerschaft zwischen zwei Liebenden und Politikern erkennen. 1765 besiegelten sie ihre Beziehung durch eine heimliche Vermählung. Katharina zog Kraft aus ihrem glücklichen Eheleben und beobachtete fasziniert den impulsiven und exzentrischen Potemkin: Dieser erschien, wann immer es ihm beliebte, in seinem nachlässig offen stehenden Schlafrock bei ihr, an einem Apfel oder Rettich kauend, und brachte sie durch sein unberechenbares Benehmen zum Lachen. Nachts liebten sie sich stürmisch im russischen Bad der Zarin.
Die große Affäre der Kaiserin läutete auch eine neue politische Ära ein, denn Potemkin war im Gegensatz zu seinen Vorgängern willens und in der Lage, Macht auszuüben. Er versuchte zunehmend, seinen politischen Ansichten Geltung zu verschaffen, was immer wieder Streit zwischen ihnen entfachte. Die tatkräftige Katharina kanalisierte Potemkins Ambitionen: Sie betraute den zum Fürsten Aufgestiegenen 1776 mit wichtigen Aufgaben im Süden des Reiches. Er sollte die gerade eroberten Gebiete am Schwarzen Meer kolonisieren und tat dies mit Schwung und Erfindungsgabe. Die Liebesgeschichte zwischen beiden schien damals zu enden, tat dies aber nie wirklich. Vielmehr entwickelte sie sich zu einer Ehe, in der beide andere sexuelle Partner hatten. Potemkin entschied fortan in den meisten Fällen, wer sich der Zarin als Liebhaber nähern durfte. Die Beziehung zwischen ihnen blieb dennoch das Wichtigste in deren Leben.
Zu Russlands Ruhm und zur Ehre der Zarin wandte sich Potemkin erfolgreich als Heerführer gegen die Türken am Dnejpr und am Schwarzen Meer. Er war für sie das „Genie“, das ihr Reich im Süden erheblich vergrößerte, die Krim eroberte und berühmte Städte wie Sewastopol und Odessa gründete. 1787 erreichte Potemkin den Höhepunkt seines Ruhmes, als er seiner Kaiserin auf der berühmten Inspektionsreise ihre neu besiedelten Gebiete in spektakulärer Inszenierung vor Augen führte.
Überwältigen wollte er seine Herrscherin mit einem extravaganten Fest anlässlich ihres 62. Geburtstages im Frühjahr 1791: ein Maskenball mit 3.000 Gästen. Am Abend des 18. Aprils empfing er Katherina in roten Seidenhosen und einem Frack mit diamantenbesetzten Knöpfen in seinem Taurischen Palast, dessen Glanz im Schein von 20.000 Kerzen erstrahlte. Ein Chor und ein 300-Mann starkes Orchester brachten eine eigens für Katharina komponierte Hymne dar. Im subtropischen Garten präsentierte Potemkin der Zarin schließlich einen Obelisken aus Achat, auf dem kostbare Steine den ersten Buchstaben ihres Namens bildeten. Das Fest war gewissermaßen der fulminante Schlussakkord einer außergewöhnlichen Liebe: Ein halbes Jahr später starb Potemkin in der bessarabischen Steppe am Malariafieber. Dabei trug er Katharinas letzte Briefe an seinem Herzen verwahrt – in der Innentasche des seidenen Morgenrocks, den sie ihm kurz zuvor geschickt hatte. Die Zarin verlor das Bewusstsein, als sie die Nachricht vom Tode ihres „Abgotts“, wie sie ihn noch in der gleichen Nacht in einem Brief an einen Vertrauten nannte, erhielt. Sie klagte: „Ein entsetzlicher Todesschlag hat mich getroffen … Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie gebrochen ich bin.“ Von diesem Schlag erholte sich die Kaiserin nie wieder ganz. Das Goldene Zeitalter ihrer Herrschaft starb mit Potemkin.
Quelle: © by CAB Artis 2011
Weitere Informationen:
www.anhalt800.de
www.stadt-zerbst.de
(Die Links wurden am 10.06.2012 getestet.)
Bildtext (v.l.): Bronzestatue Katharina die Große in Zerbst; Zerbst Schloss