Die akribisch von der Forschungsabteilung der Hochschule für Fernsehen und Film HFF zusammengetragene Chronik spannt den Bogen von 1945 bis 2007 und komplettiert den bereits 2004 erschienenen ersten Band "Für ein Zehnerl ins Paradies" (1896 bis 1945).
Parallel zur Buchpräsentation fand die Ausstellungseröffnung "Kinoparadiese" statt. Im Atrium der Münchner Industrie- und Handelskammer können sich Cineasten noch bis zum 27. Juni einen Überblick über 111 Jahre Kinogeschichte(n) in Wort und Bild verschaffen.
München ist reich an Ereignissen rund um Kinomatographentheater, Lichtspiel-Paläste und Multiplexhäuser. 1897 öffnete das erste Kino seine Pforten. München besitzt das älteste durchgehend bespielte Kino der Welt ("Neuer Gabriel"). Regelmäßiger Gast im ebenfalls heute noch existierenden Filmtheater am Sendlinger Tor war König Ludwig III. In den Neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts geschah sogar ein wirklicher Mord in einem Münchner Kino ... Legendär sind die Paläste der Zwanziger Jahre und die glamourösen Kinos (mit Wasserspielen!) von Ilse Kubaschewski, die in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik in München Kinogeschichte schrieb.
Die "Film-Archäologen" und "Jäger der verlorenen Kinoschätze" – wie Dr. Monika Lerch-Stumpf, Herausgeberin der beiden Bücher, Macherin und Organisatorin der Ausstellung, die HFF-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bezeichnete – haben in den Archiven von Stadt und IHK "gegraben" und sind bei Privatsammlern fündig geworden. Viel bisher unveröffentlichtes Material haben sie zur Freude von München- und Kino-Liebhabern zutage gefördert. Wer in München im vergangenen halben Jahrhundert aufgewachsen ist, findet bestimmt "sein" Kino in dem neuen Buch oder in der Ausstellung wieder, auch wenn es schon lange nicht mehr besteht. Rund 200 Fotos sind allein in der Ausstellung "Kinoparadiese" zu besichtigen.
Wie steht es um die Zukunft des Kinos im Zeitalter von Internet, DVD, TV? Dr. Monika Lerch-Stumpf ist optimistisch: "Für mich ist Kino gesellschaftliches Erleben. Man schlägt im Freundeskreis einen Film vor, man trifft sich, diskutiert über den Film. Jeder nimmt das Gesehene unterschiedlich wahr. Die Faszination der großen Leinwand gehört dazu, man kann einfach abschalten und sich konzentrieren."
Sie ist sich ganz sicher, dass Kino weiter leben wird. "Gerade wandelt sich auch das Publikum. Zunehmend entdecken die Dreißig-, Vierzig-, Fünfzigjährigen und die ´Best-Ager´ das Kino." Optimistisch ist auch Eva Moser, Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs – einer ergiebigen Quelle für die Film-Archäologen: Im ersten Quartal 2008 wurden laut Branchenmagazin Blickpunkt Film bundesweit 35 Millionen Kinokarten verkauft, acht Millionen mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.
Statistisch erwiesen ist, dass die Münchner mit zu den eifrigsten Kinogängern zählen. So dass weiteren 111 Jahren Kinogeschichte an der Isar wohl nichts im Wege steht.
Doris Losch
Monika Lerch-Stumpf (Hg.): "Neue Paradiese für Kinosüchtige", ca. 320 Seiten, ca. 320 Farb- und s/w-Abb., Broschur, Format: 21,7 x 29,9 cm, 29.80 Euro, ISBN 10: 3-937904-75-1; erschienen im Dölling und Galitz Verlag.