Auf 600 Quadratmetern erfahren die Besucher Erstaunliches über die Bedeutung des Spiels für den Alltag im Kloster und seinen Bezug zur klösterlichen Weltsicht. Über 60 Leihgeber aus Westfalen und dem gesamten Bundesgebiet, aus Österreich, Ungarn, der Schweiz, Frankreich und Großbritannien haben sich an der zweiten großen Sonderausstellung im 2007 eröffneten Museum beteiligt.
Tennis und Fußball im Kloster
„Der Mensch muss spielen, wenn er menschlich leben will“, zitierte der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Dr. Wolfgang Kirsch, den Dominikaner Thomas von Aquin bei der Präsentation der Ausstellung.
Obwohl im Mittelalter insbesondere das Glücksspiel vielerorts verboten gewesen sei, habe der berühmte Kirchenlehrer die Bedeutung des Spiels als menschliches Grundbedürfnis bereits im 13. Jahrhundert erkannt. Kirsch: „Die Bedeutung des Spiels als eine Art Auszeit vom Alltag ist bis heute ungebrochen.“
Dass Klöster über Jahrhunderte hinweg ihren Bewohnern auch "Spielräume" boten, verdeutliche die neue Ausstellung: „Hier ist zu sehen, warum Tennis, Krocket, Fußball und Würfeln ebenso zur klösterlichen Kultur gehören wie das sprichwörtliche ,Beten und Arbeiten‘“, sagte Kirsch.
Die Präsentation – dafür nutzt das Museum das ganze Haues – sogar die Klausur und den Klosergarten - gliedert sich in fünf Abteilungen, darunter die großen Themenbereiche „Spiele und Spieler“, „Geistiges und Geistliches Spiel“ und „Klostermotive in Spiel und Spielzeug“. Inszenierungen in der historischen Klausur des ehemaligen Klosters Dalheim zeigen beispielhaft, welche Orte die Klosterbewohner in Mittelalter und Barock zum Spielen nutzten. Im Konventgarten bieten Spielstationen von der Kegelbahn bis zum Schachpavillon Raum und Gelegenheit zum Mitspielen.
Vom Schwirrknochen über Schach bis Schlagball lernen die Besucher verschiedene Spiele aus Klöstern kennen. Sie begegnen unterschiedlichem klösterlichen Spielpersonal vom Abt bis zum Klosterschüler und entdecken, wie religiöses Spielzeug den Glauben und Schau-Spiele biblische Geschichten begreifbar machten.
„Durch die Kooperation mit renommierten Museen, Bibliotheken, Archiven, Klöstern und privaten Sammlungen ist es uns gelungen, die Vielfalt dieses faszinierenden Themas erfahrbar zu machen“, dankte die LWL-Kulturdezernentin und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Kloster Dalheim, Dr. Barbara Rüschoff-Thale, den Leihgebern. Dazu gehören international renommierte Institutionen wie das Victoria and Albert Museum in London (Großbritannien) oder die Stiftsbibliothek St. Gallen (Schweiz).
Hintergrund:
Klösterliche Spielkultur
Die Tradition der klösterlichen Spielkultur reicht weit zurück. Zwar bezeichnet die Benediktregel im 6. Jahrhundert in Kapitel 48,1 Müßiggang als den Feind der Seele. "Spiel ist jedoch nicht zwangsläufig mit Müßiggang gleichzusetzen", erläuterte die Projektleiterin der Ausstellung, Dr. Helga Fabritius. Auch waren Spiel und Spielen nicht überall einer Geringschätzung als sinnlosem Zeitvertreib ausgesetzt. Viele Klosterregeln sahen im Mittelalter Zeiten der Rekreation und Erholung für die Ordensleute vor, in denen auch gespielt werden durfte. "Gerade der mittelalterliche Begriff von Spiel ist viel weiter gefasst, als wir das heute kennen", erläuterte Fabritius. Er umfasse neben Vergnügen und Zeitvertreib auch sportliche oder geistige Wettkämpfe sowie die musischen Bereiche Tanzen, Musizieren und Schauspielen.
Schriftliche Quellen, archäologische Funde, Objekte und bildliche Darstellungen zur Kultur des Spiels im Kloster erzählen von geistlicher Lotterie und Freiluft-Kegeln ebenso wie von szenischen Darstellungen im Gottesdienst und virtuosen musikalischen Aufführungen. Insbesondere der Jesuitenorden veranstaltete im 16. Jahrhundert Theateraufführungen, die helfen sollten, den christlichen Glauben zu verbreiten.
Als im Barock die Klöster mit weltlichen Autoritäten konkurrierten, widmeten sich auch Klostervorsteher zur Repräsentation verstärkt dem Spiel. Berichte sprechen von Billard- und Musikzimmern sowie von Tafelrunden an Spieltischen.
„Auch das Tennisspiel soll vor mehr als 900 Jahren im Kloster erfunden worden sein“, schilderte Fabritius: „Im Kreuzhof übten sich Ordensleute - geschützt vor den Augen der Öffentlichkeit - in einem tennisartigen Spiel bei dem der Ball zunächst noch mit der bloßen Hand über das Schrägdach der Kreuzgänge in die gegenüberliegende Kreuzgangarkade geschlagen wurde“"
Spielzeug aus zehn Jahrhunderten
Archäologische Funde erzählen von den heiteren Stunden beim Murmel-, Würfel- und Bocciaspiel. Edle Schachfiguren, Karten und Jetons laden an den Spieltisch der Äbtissin, während die didaktischen Spiele an den moralischen Lehrstunden für Novizen und Ordensleute teilhaben lassen.
Christkind-Wiegen und Christkind-Figuren zeigen die Frömmigkeit der Ordensschwestern im Mittelalter, während farbenfrohe Holzfiguren vom Palm-Esel über Grabwächter bis zum Himmelfahrts-Christus an die inszenierten klösterlichen Prozessionen und Gottesdienste erinnern. "Die Klöster waren Hersteller, Erfinder und Bewahrer von Spielen", berichtet Fabritius. Fein gearbeitete wertvolle Reliquiare und Preziosen werden ebenso präsentiert wie kostbare jahrhundertealte Handschriften und unterstreichen den Stellenwert des Spielens. Medienstationen nehmen mit in die Welt der klösterlichen Spielkultur gestern und heute.
Kloster im Spiel
„Die vielfach unbekannte, verschlossen wirkende Welt hinter Klostermauern weckt häufig die Neugierde Außenstehender und bietet Raum für Spekulationen, die in Stereotypen und Klischees münden“, stellten Fabritius und ihr Team im Zuge der Ausstellungsrecherchen fest. Diese Vorstellungen spiegelten sich bis heute auch in den Spielzeugregalen wider, in denen Mönche, Nonnen und Klosteranlagen in den verschiedensten Zusammenhängen auftauchen. Vom „Mönch-ärgere-dich-nicht“ bis zur aufziehbaren Plastik-Nonne findet auch das Kloster im Spiel mit einer eigenen Abteilung Eingang in die Sonderausstellung.
(Quelle: Kloster Dalheim)
Zudem: Mitspielen erwünscht - Museumspädagogisches Programm für alle Altersgruppen.
Noch bis 3. November zeigt das LWL-Landesmuseum für Klosterkultur in Lichtenau-Dalheim (Kreis Paderborn) die Ausstellung "Heiter bis göttlich". Zur Ausstellung erschien ein Katalog „Heiter bis göttlich".
Weitere Informationen:
www.lwl.org
Bildtext (l.): Machten den Glauben fassbar: In mittelalterlichen Frauenklöstern waren Figuren wie dieses Christuskind (um 1500) Objekte der innigen Auseinandersetzung mit dem Glauben. Die Ordensschwestern bekleideten die ursprünglich nackten Figuren liebevoll. Als "Requisiten der Andacht" halfen ihnen die Christkindfiguren so dabei, vollkommen in die Meditation einzutauchen.
© Badisches Landesmuseum / Foto: Thomas Goldschmidt
Bildtext (r.): Wer hat‘s erfunden: Der Vorläufer des heutigen Tennisspiels entstand vor etwa 900 Jahren im Kloster. Im Kreuzhof übten sich Ordensleute - geschützt vor den Augen der Öffentlichkeit - in einem Tennisartigen Spiel bei dem der Ball zunächst noch mit der bloßen Hand über das Schrägdach der Kreuzgänge geschlagen wurde. Das Pressefoto stammt aus dem Amerika der 1970er Jahre. Foto: LWL / Ansgar Hoffmann, www.hoffmannfoto.de