Man hält zum ersten Mal den Atem an, wenn mitten in blühendem Klostergarten die dachlose, offene Ruine einer großen Kirche des 13. Jahrhunderts auftaucht, Spitzbögen, Bruchsteinmauerwerk. Der größte Schatz liegt aber unter dem Kirchenboden. Man steigt hinunter, die Augen gewöhnen sich an das Dämmerlicht und man steht sprachlos in einer wunderbaren pfeilergestützten dreischiffigen Krypta. Größer als eine Dorfkirche! Irgendwo hier, wohl in den steinernen Mauern neben der Kirche, starben Vater und 37 Jahre später der Sohn, ein König und ein Kaiser, Heinrich I. und Otto der Große.
Das ist über 1000 Jahre her, aber der Atem der Geschichte wird in einer großartig gemachten Ausstellung wieder ganz lebendig: Otto II. und seine sagenumrankte Gattin, Mitkaiserin Theophanu stiften im Jahre 979 ein Reichskloster und einer Kaiserpfalz genau hier in Memleben. Man errichtete eine erste Kirche, die gewaltiger war als jene zu St. Gallen, Fulda, der Reichenau. Sie ist völlig verschwunden. Aber vor Jahren fand man unter dem landwirtschaftlichen Stellplatz der vergangenen LPG jene Fundamente, die man ebenerdig wieder bestaunen darf.
Wenn man Glück hat, wird man an manchen Tagen aus seinen romantischen Träumen mitten in dieser vergangenen Klosterlandschaft gerissen: Mönche, echte Mönche in der Kutte der Benediktiner ziehen mit uralten Gesängen in die Krypta, halten dort ihre Tagesgebete und wissen, dass hier irgendwo noch verborgen das Herz Ottos des Großen begraben wurde. Seine Gebeine ruhen ja im Dom zu Magdeburg.
Noch bis zum 9. Dezember kann man in den Räumen des ehemaligen Klosters eine kleine aber großartig inszenierte Ausstellung „Wenn der Kaiser stirbt – Der Herrschertod im Mittelalter“ erleben.
Ganz Mutige dürfen ihre eigenen Taten und Untaten auf eine Seelen-Waage legen und danach feststellen, ob sie doch eine Chance hätten, in den Himmel zu gelangen. Prachtvoll ausgestaltet ist die Ausstellung mit Motiven aus dem Perikopenbuch Heinrich II. und der Bamberger Apokalypse.
Wie konnte nur ein so gewaltiger Kirchenbau verschwinden und einer kleineren, der heutigen Ruine. Pracht und Größe abtreten? Das war letztlich „ein später Racheakt“ (Manfred Höfer), kompromisslos ausgeführt von Kaiser Heinrich II. . Seelenwaage auf seinem Grabmonument? Jener in Memleben verstorbene König Heinrich hatte die Nachfolge nicht an den eigentlichen Erben, nämlich den Großvater Heinrichs II. übergeben, sondern an Otto. Weder dieser noch sein Sohn Otto II. gingen gut-nachbarschaftlich mit der Verwandtschaft um. Der Heinrichs, der Zänker genannt, wurde sogar als Herzog von Bayern abgesetzt und verbannt. Niemals übernachtet später Kaiser Heinrich II. in Memleben, lieber daneben im Feldquartier. Noch Otto III. hatte dieser Gedenkstätte seiner Vorfahren, deren Herzen ja hier ruhten, das Marktrecht, eigene Münze und Zoll geschenkt. Und überdies sollte es eigenes Bistum werden! Der nun regierende Kaiser Heinrich aber hob anfangs 1015 die Reichsunmittelbarkeit dieses blühenden Klosters auf, setzte den Abt ab und unterstellte alle Güter dem mächtigen Reichskloster Hersfeld.
Die monumentale Marienkirche verfiel, ihre Steine dienten wohl der kleineren daneben als Mauerwerk, 1525 geplündert, 1540 aufgehoben und der Besitz der Fürstenschule Pforta überwiesen. Irgendwann später wurde die bestehende Kirche Speicher, dann fiel das Dach herunter. Selbst die Krypta war noch vor wenigen Jahren Kartoffelkeller.
Es ist ein kleines Abenteuer, diesen außerordentlichen Ort deutscher Königs- und Kaisergeschichte zu besuchen und zu erleben. Die Ausstellung und Ihre ideenreich inszenierten Objekte öffnen ein spannendes Zeitfenster in eine ganz besondere Epoche des frühen Mittelalters.
Memleben ist ein authentischer Ort der Geschichte(n) und passen zu diesem Thema wie kein anderer Schauplatz in Deutschland. Das Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben bilden ein erlebenswertes Kulturreiseziel welches 2013 ein wichtiger Kulturbaustein der „Straße der Romanik sein wird“. Diese einzigartige Kulturreiseroute feiert im kommenden Jahr das 20jährige Jubiläum.
Quelle: © 2012 by cab-artis
Weitere Informationen:
www.kloster-memleben.de
(Der Link wurde am 26.08.2012 getestet.)
Bildtext: Dreischiffige Krypta im Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben