Die eingeschlossene Poetin – Frau Ava, die erste Dichterin
Als „Ava inclusa“ steht sie in den Nekrologien (zu Deutsch: Würdigungen): Am 7. Februar 1127 ist die erste namentlich bekannte deutschsprachige Dichterin gestorben, eingeschlossen in einen Turm, abgewandt von der Welt. Da war sie in ihrer Heimat im Raum Niederösterreich vermutlich schon berühmt, schließlich taucht ihr Todestag in mehreren Klosterchroniken auf. Fünf epische Gedichte hat sie hinterlassen, insgesamt 3400 Verse. Das Besondere daran: Zum ersten Mal lassen sich Gedichte in deutscher Sprache eindeutig einem Verfasser zuordnen. Nachnamen waren zu dieser Zeit noch nicht üblich, so bleibt die Schriftstellerin als Frau Ava bekannt.
Ihre Werke tragen Titel wie „Das Leben Jesu“ oder „Die sieben Gaben des Heiligen Geistes“. Ganz zeittypisch lassen „Der Antichrist“ und „Das Jüngste Gericht“ die Ängste des hochmittelalterlichen Menschen vor dem bevorstehenden Weltenende und dem letzten Weltengericht erkennen.
Die wenigen biografischen Details, die heute noch von Frau Ava bekannt sind, verraten uns ihre Werke. Zwei Söhne, die der Mutter mit ihrem theologischen Sachverstand zur Seite standen, werden im Epilog ihres Gedichts über das „Jüngste Gericht“ genannt. Auch wenn die Söhne möglicherweise die Texte theologisch unterfüttert hatten, attestieren die Literaturwissenschaftler Frau Ava ein gewisses Maß an theologischer Bildung und Lateinkundigkeit. Vor allem jedoch die Erzählfreudigkeit, aber auch der pragmatische Zugriff auf religiöse Inhalte lassen das „Lexikon des Mittelalters“ resümieren: „Eine welterfahrene, von der religiösen Laienbewegung geprägte Frau gibt in deutschen Gedichten einem ratsuchenden Laienpublikum geistliche Lebensorientierung.“
Das Leben und Wirken von Frau Ava wird in der Bayerisch-Oberösterreichischen Landesausstellung auf der Burg zu Burghausen thematisiert. Die Bayerisch-Oberösterreichische Landesausstellung 2012: Verbündet - Verfeindet - Verschwägert. Bayern und Österreich ist vom 27. April bis 04. November 2012 in Burghausen Braunau Mattighofen zu besichtigen.
(Quelle: Haus der Bayerischen Geschichte:)
Weitere Informationen:
www.hdbg.de
(Der Link wurde am 21.03.2012 getestet.)
Bildtext: Frau Ava, die erste namentlich bekannte Dichterin, die in deutscher Sprache schrieb, zog sich für ihre letzten Lebensjahre in die klösterliche Einsiedelei zurück. Gemälde: Der Heilige Korbinian visitiert ein Nonnenkloster, Tempera auf Holz, Donauländisch, um 1490. © Stiftsmuseum Klosterneuburg, Foto: Michael Himml, Wien