Dieses Jahr werde ich Weihnachten nicht mit meiner Familie verbringen, sondern in Jordanien. Hier unterstütze ich seit drei Monaten die Arbeit unseres Nothilfeteams für syrische Flüchtlinge. Auch Jordanien ist im Weihnachtsfieber, obwohl es ein mehrheitlich muslimisches Land ist: Tannenbäume sind mit bunten Kugeln und Lichterketten geschmückt, in den Läden hört man „Jingle Bells“. Vor einigen Tagen hat es hier so geschneit wie seit vielen Jahren nicht mehr. Der Schnee türmt sich meterhoch, neben Palmen stehen Schneemänner mit Karotten als Nase, Kinder malen mit ihren Armen und Beinen Eisengel in
den Schnee. Für die über 560.000 syrischen Flüchtlinge, die hier in Jordanien leben, ist der Schnee aber kein Spaß: Sie hausen in heruntergekommenen Wohnungen, in leerstehenden Garagen oder behelfsmäßig zusammengebauten Zelten aus Pappe und Planen. Und dort frieren sie furchtbar. Mütter nähen aus der wenigen Kleidung, die sie bei der Flucht aus Syrien mitnehmen konnten, Decken, um ihre Kinder vor der Kälte zu schützen. Sie bleiben nächtelang wach aus Angst, ihre Kinder könnten im Schlaf erfrieren.
Bildtext (l.): Im September reiste der amerikanische Fotograf Robert Fogarty mit CARE nach Jordanien, wo derzeit über 569.000 syrische Flüchtlinge leben. An sie verteilte der Fotograf Filzstifte mit der Aufforderung, ihre Botschaften an die Welt auf ihren Armen und Händen festzuhalten. Die so entstandenen Porträts geben den kaum gehörten Betroffenen des syrischen Bürgerkriegs eine Stimme.
In den letzten Wochen und Monaten habe ich mit vielen syrischen Flüchtlingen gesprochen und sie auch danach gefragt, was sie sich wünschen. Bei dieser Frage verdunkelt ein tiefer Schleier der Traurigkeit ihre Gesichter. Häufig kommen die Antworten schnell, als würden sie seit Tagen auf ihren Zungen liegen und nur darauf warten, endlich Gehör zu finden, ausgesprochen und damit vielleicht eine etwas größere Chance haben, erfüllt zu werden. Sie wünschen sich, zurück nach Hause zu können. Sie wünschen sich, die Luft und den Boden Syriens wieder zu riechen, das Metall der Türklinken ihrer Häuser in der Hand zu halten, morgens auf dem Weg zur Arbeit einen türkischen Kaffee zu trinken. Kinder wünschen sich Socken und warme Kleidung gegen die Kälte, möchten wieder zur Schule zu gehen, ihre Freunde oder Väter wiederzusehen. Sie wollen ihr altes Leben zurück.
Manchmal reisen ihre Antworten aber auch einen langen Weg, verlieren sich in einem Labyrinth aus Erinnerungen, werden aufgesogen von dem Schmerz über das, was verloren ist. Die Flüchtlinge halten ihre Wünsche und Träume sorgsam wie einen kleinen Vogel mit ihren Händen umschlossen, der bei der kleinsten Öffnung der Finger wegfliegen und für immer verschwinden könnte. Ihr Hab und Gut liegt in zerbombten Häusern in Schutt und Asche, ihre Wünsche sind immer auch das Gegengewicht zu ihren Ängsten: Ängste um Daheimgebliebene, Trauer um getötete Familienmitglieder, Wissen um das zerstörte Zuhause. Nach fast drei Jahren Krieg, nach über 120.000 Toten, trauen sich viele der über 2,3 Millionen syrischen Flüchtlinge, die es über die Grenzen geschafft haben, nicht mehr zu wünschen. Wünsche machen sie traurig und schwach, lähmen sie in ihrem Alltag des Überlebens. Eine Mutter sagte mir, dass sich Wünschen für sie so anfühlt wie einer dieser Träume, in dem man vor etwas schnell weglaufen muss, in dem man weiß, dass man Beine hat, die einen tragen können, aber man trotzdem nicht von der Stelle kommt. Ich glaube, dass es nichts gibt, was Menschen auf aller Welt so verbindet wie unsere Wünsche. Auf den Wunschlisten dieser Welt mögen Pullis, Bücher, oder selbstgemalte Bilder stehen. Aber das, was unter keinen Weihnachtsbaum passt, eint uns alle: Wir wünschen uns Gesundheit, Glück, Frieden, Sicherheit und Liebe für unsere Familien und Freunde.
Bildtext (r.): Dear World Kleines Mädchen Foto: Robert Fogarty für CARE
Auch wenn ich dieses Weihnachten viele Kilometer entfernt von meiner Familie verbringe, wird sie mir doch ganz nah sein. Denn Weihnachten ist für mich vor allem ein Gefühl. Ein Gefühl der Geborgenheit, der Dankbarkeit, des Innehaltens. Dieses Weihnachten wünsche ich mir, dass wir uns alle an diese Gefühle erinnern, an das Band der Menschlichkeit, das uns alle verbindet und das die stärkste Medizin gegen Verzweiflung und Machtlosigkeit ist. Ich wünsche mir, dass wir, die Welt, den syrischen Flüchtlingen etwas mehr unserer Aufmerksamkeit schenken - und vielleicht auch eine kleine Spende, damit sie sich nicht so allein gelassen fühlen. Man muss es einfach so deutlich sagen:
Die Hilfe für über zehn Millionen Menschen, die von dem Konflikt betroffen sind, ist hoffnungslos unterfinanziert. Hier um mich herum geschieht eine leise, eine schleichende Katastrophe, und ich wünsche mir oft, dass ich ein Mikrofon hätte, das die ganze Welt beschallen könnte. Vielleicht werde ich dieses Jahr mal wieder eine Liste schreiben, sie auf meinen Balkon hier in Amman legen und mit den Armen zappeln. Die Liste wird nicht lang sein. Aber ich werde lauter und länger rufen, als ich das als das Kind gemacht habe.
Spendenmöglichkeiten:
CARE Deutschland-Luxemburg e.V.
Spendenkonto 4 40 40
Sparkasse KölnBonn, BLZ 370 50 198
www.care.de/spenden
Titelbild: CARE-Mitarbeiterin Johanna Mitscherlich. Foto: Robert Fogarty für CARE